Wie erfolgt die Langzeittherapie mit Kaliumbromid?

Kaliumbromid, das beim Hund zunächst bei der Therapieresistenz gegenüber Phenobarbital in Form der Add-on-Therapie (Kombinationstherapie) Anwendung fand, wird zunehmend auch zur Monotherapie eingesetzt. Es ist bei generalisierten tonisch-klonischen Anfällen, dem Grand mal, indiziert, der häufigsten Anfallsart beim Hund. Gemischte Anfälle und generalisierte tonische Anfälle sprechen weniger gut oder gar nicht an.

Die antiepileptische Wirkung wird durch den Bromidanteil bedingt. Bromid wird rasch im Dünndarm resorbiert und unverändert über die Nieren ausgeschieden. Es führt so zu keiner Leberschädigung und zu keinen Interaktionen mit anderen Medikamenten. Die Geschwindigkeit der Bromidausscheidung wird von der Chloridaufnahme, d.h. der Kochsalzaufnahme (Natriumchlorid) mit dem Futter bestimmt, da Bromid und Chlorid um die Ausscheidung über die Niere konkurrieren.

Bromid wird vom Hund sehr langsam ausgeschieden. Entsprechend langsam baut sich die steady state-Konzentration auf. Diese wird erst nach 60- bis 80-tägiger Gabe annähernd erreicht. Erst nach Ablauf dieser Zeit, ist mit der vollen Wirksamkeit des Bromids zu rechnen. Im steady state können jedoch abhängig von Resorption, Nierenfunktion, Flüssigkeitsaufnahme und Fütterung gleiche Dosierungen von Kaliumbromid zu sehr unterschiedlichen Serumkonzentrationen führen. Durch den sehr langsamen Anstieg der Serumkonzentration des Bromids erübrigt sich ein einschleichender Therapiebeginn.

Add on-Therapie

Bei der Add on-Therapie mit Kaliumbromid liegt die Richtdosis bei täglich 30-40 mg/kg KGW. Individuell unterschiedlich und fütterungsabhängig können Dosen von 20-30 mg/kg KGW ausreichend sein, aber auch Gaben von 40-60 mg/kg KGW erforderlich werden. Soweit mit den Dibro-Be mono® Tabletten keine an das Körpergewicht ausreichend angepaߟte Dosierung möglich ist (kleine Hunde), können vom Apotheker die Tabletten zerstampft und die benötigten Mengen in Gelatinekapseln eingewogen werden. Die Basaltherapie mit Phenobarbital sollte zunächst mit der gleichen Dosierung beibehalten werden.

Die Dosisanpassung des Kaliumbromids sollte in Abhängigkeit von Wirkung und Serumbromidkonzentration erfolgen. Letztere korreliert weit besser mit dem Therapieerfolg als die Dosis. Konzentrationsbestimmungen sollten 60 und 120 Tage nach Therapiebeginn und nachfolgend alle 3–6 Monate sowie bei Anfallsrezidiven erfolgen. Die therapeutische Serumkonzentration liegt bei der Add-on-Therapie bei etwa 1-2 mg/ml. Ein therapeutischer Erfolg kann schon mit niedrigeren Konzentrationen möglich sein; eine Konzentration von >1,5 mg/ml wird nicht von allen Hunden vertragen, dies gilt insbesondere für ältere und/oder noch anderweitig erkrankte Tiere, während junge kräftige Hunde auch Konzentrationen von >2mg/ml tolerieren.

Bei der Zugabe von Kaliumbromid zeigen die meisten Tiere zunächst sedative Nebenwirkungen – rasche Ermüdbarkeit, leichte Ataxie und Nachhandschwäche (!) -, die sich mit der Zeit verlieren. Als weitere Nebenwirkungen werden bei einigen Hunden Durst sowie Magen-Darmstörungen unterschiedlicher Ausprägung gesehen. Hautveränderungen, beim Menschen beschrieben, kommen beim Hund so gut wie nicht vor.

Mit der Add-on-Therapie mit Kaliumbromid lassen sich bei etwa 50-80% der zuvor therapieresistenten Grand mal-Fälle (Serumkonzentration des Phenobarbitals im oberen therapeutischen Bereich) Anfallsreduktionen von >50% erzielen. Etwa ein Viertel bis ein Drittel dieser Hunde wird anfallsfrei und bleibt es, so die Dosierung von Phenobarbital nicht zu rasch erniedrigt wird. Bei Anfallsfreiheit kann Phenobarbital nach 6 Monaten stufenweise reduziert werden. In einigen Fällen kann mit der Zeit auf eine Monotherapie mit Kaliumbromid übergegangen werden. Bei Lebererkrankungen sollte die Gabe von Phenobarbital bzw. Primidon rascher reduziert und wenn möglich, nur Kaliumbromid verabreicht werden.

Monotherapie

Zur Monotherapie eignet sich Kaliumbromid vor allem bei Hunden mit niedriger Anfallsfrequenz, da bis zur vollen Wirksamkeit mindestens 60 Tage vergehen und in dieser Zeit noch mit Anfällen zu rechnen ist. Eine Indikation zur Monotherapie sind gleichzeitig vorliegende Lebererkrankungen. In diesen Fällen sollte die Plasmakonzentration mit Hilfe einer loading dose (Aufsättigungsdosis) rasch angehoben werden. Die Monotherapie erfordert Dosierungen bis zu 80 (100) mg/kg KGW und Tag. Die therapeutische Bromidkonzentration dürfte im Bereich von 1,5-2,0-(2,5) mg/ml liegen.

Zum rascheren Erreichen dieser Konzentration kann zu Therapiebeginn die 2- bis 4-fache Richtdosis verabreicht werden. Eine 10fache loading dose bzw. eine Gabe von 600-800 mg/kg KGW über 24-48 h verteilt, wie z.T. empfohlen, wird oft schlecht vertragen. Neben starker Müdigkeit, Nachhandschwäche, Appetitlosigkeit, ܜbelkeit, Erbrechen kann es auch zu Bauchschmerzen kommen.

Einige wenige Tiere eignen sich auf Grund ihrer Magen-Darmempfindlichkeit weniger zur Therapie mit Kaliumbromid. Magen-Darmsymptome können sich auch im Verlauf einer Bromidtherapie einstellen. Sehr selten sind auch Funktionsstörungen der Bauchspeicheldrüse möglich. Diese können zum Absetzen des Kaliumbromids zwingen, was vor allem bei der Monotherapie Anfallsrezidive bedingen kann.
Zur besseren Verträglichkeit sollte die Tagesdosis bei der Add on- wie der Monotherapie auf zwei Gaben verteilt, unmittelbar nach der Fütterung und nie auf nüchternen Magen gegeben werden. Gut bewährt hat sich bei der Bromidtherapie ein leicht verdauliches, fettarmes Futter.

Treten nach längerer Kaliumbromidtherapie wieder Anfälle oder sedative Nebenwirkungen (Müdigkeit, Nachhandschwäche!) auf, so sollte die Serumkonzentration des Bromids überprüft werden. Eine nicht beachtete Veränderung des Kochsalzgehaltes im Futter (Futterwechsel, Tischreste, Wurst etc. als Eingabehilfe) kann zu einer verminderten oder erhöhten Bromidausscheidung und so zu sedativen Nebenwirkungen bzw. erneuten Anfällen führen. Ein Futterwechsel sollte daher vermieden werden. Mit Ausnahme der anfänglichen sedativen Nebenwirkungen und den gelegentlichen gastrointestinalen Störungen wird die Therapie mit Kaliumbromid von den meisten Hunden über Jahre gut vertragen, so dass diesem Antiepileptikum zunehmend Bedeutung in der Therapie der Epilepsien des Hundes zukommt.